Erinnerungsgeschichten

Erinnerungs- und Erlebnisbericht von Ilse Löblein Diemer, Rüsselsheim

Mein Vater, Heinrich Diemer wurde jedes Mal am Fastnachtstage aktiv und Zog mit Strohhut und künstlichem Veilchenstrauß im Knopfloch durch die Dorfstraßen. Eigentlich wollte er als Rheinhesse nie in dem abgelegenen „hessisch-sibirien“ Freiensteinau – ohne Bahn- und Busverkehr und mit hohen Schneelagen oft bis zum April – als Lehrer bleiben. Er wurde dann jedoch so sesshaft, dass er den Verein KIKIRIKI gründete, den Gesangverein als ersten Vorsitzenden leitete, heiratete und schließlich in den Gemeindevorstand gewählt wurde. In dieser Funktion sorgte er für das Zustandekommen von Busverbindungen nach Steinau, Schlüchtern und Grebenhain.

In jenen Jahren fand am Fastnachtsdienstage mittags – wenn ich mich recht erinnere, um 14.11 Uhr – ein Umzug statt, und abends (ab 19.11 Uhr) gab es einen zünftigen Maskenball. Dieser Ball wurde jährlich abwechselnd in den Sälen Sang, Euler und Fehl abgehalten.

Während der Zeit von März 1945 bis Dezember 1959 war ich in der Bürgermeisterei Freiensteinau beschäftigt. Für diesen Zeitraum fallen mir einige lustige
Fastnachtserlebnisse ein.

Im Jahre 1949 (erste Fastnachtsveranstaltung in Freiensteinau nach dem 2. Weltkrieg) bat man mich, als Karnevalsprinzessin am Umzug teilzunehmen. Es sollten erstmals richtige Prinzenpaarkostüme ausgeliehen werden. Ich selbst war in diesem Jahr von meiner Schwägerin zum Rosenmontagsumzug nach Mainz eingeladen worden und fuhr mit der Bahn in die Karnevalsmetropole. Meine Schwester Nora (wohnhaft in Frankfurt/M., verstorbene Mutter der Heidemarie Wieczorek-Zeul) hatte bei einer Frankfurter Verleihanstalt das Paket mit den Prinzenpaarkostümen abgeholt und brachte es mir, Rosenmontagabend, an den Frankfurter Hauptbahnhof, denn diese wurden ja am nächsten Mittag zum Freiensteinauer Umzug benötigt.

Im Zuge Frankfurt-Fulda traf ich Heinrich Deuchert, den damaligen Ortsdiener. Wir unterhielten uns so angeregt, dass ich beim Aussteigen in Steinau prompt das Paket vergaß, kam also mit dem Postomnibus ohne Kostüme in Freiensteinau an. Der Bürgermeiste=Karnevalsprinz war höchst ungnädig, und die Telefonleitungen nach Steinau und Fulda liefen sich heiß. Schuldbewusst bat ich den Busfahrer, am Fastnachtsdienstag im Steinauer Bahnhof nach dem vermissten Paket zu fragen. Mit Zittern und Zagen ging ich gegen 10.00 Uhr zur Freiensteinauer Busgarage am alten Backhaus. Welche Erleichterung und Freude: der Busfahrer hatte das vermisste Paket ! Die Situation war gerettet und der Umzug konnte laufen!

Rasch zog ich mich in der Bürgermeisterei um. Sorglos lachend strahlten wir in unseren Leihkostümen als Prinzenpaar von „Saukäspers“ Kutschenwagen herunter und winkten huldvoll der Freiensteinauer Bevölkerung zu. Meine Mutter, die von alle dem nichts wusste, und ahnungslos den Fastnachtsumzug in Rühls Hofe erwartete, blieb vor Schreck der Mund offen stehen, als sie mich als Prinzessin auf dem Wagen thronen sah.

Eine zweite Begebenheit war folgende: Zu meiner Tätigkeit in der Bürgermeisterei gehörten auch die Eintragungen in die Standesamtsbücher. Während einer Faschingskampagne kam am Rosenmontag ein Vater in die Bürgermeisterei, um die Geburt seiner Tochter anzumelden. Mir viel ein, dass ein Jahr zuvor, etwa um die gleiche Jahreszeit schon eine Tochter angemeldet hatte. Spontan erklärte ich ohne zu fragen: „Dieses Baby heißt Rosamunde!“ Gesagt, getan: die standesamtliche Eintragung wurde so vorgenommen. Als wäre es so verabredet, traf sich alles, was Rang und Namen hatte, kurze Zeit darauf in der Bürgermeisterei. Die „Rosamunde“ wurde begossen, und die Feier zog sich bis zum Abend hin.

Die Post befand sich seinerzeit im gleichen Gebäude. Post- und Bürgermeistereipersonal hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Daher feierten auch die Busfahrer mit und übernahmen die „Schlüsselgewalt“. Sie verteilten „Kinderbeihilfe“ in Form von kleinen Zuckereien. Der Vater der „Rosamunde“ meinte: „Wie gut, dass die Hebamme meiner Frau erklärt hat, solche Anmeldungen können lange dauern!“

Leider kam es abends noch zu einem bedauerlichen Zwischenfall. Jener Busfahrer, der die Tour nach Grebenhain zu fahren hatte, war nicht abzuhalten, die Fahrt einem Kollegen zu überlassen. Es kam, wie es halt kommen musste! Er fuhr den Bus kurz vor Grebenhain in den Straßengraben, und die Fahrgäste verpassten Ihren Zug nach Lauterbach. Zum Glück hatten die Vorgesetzten viel Faschingsverständnis, und so ging die ganze Sache gut aus.

Am nächsten Tag kam „Rosamundes“ Vater und bat dringend, den Namen seiner angemeldeten Tochter zu ändern. Seine Frau hatte einen Riesenkrach gemacht, weil er erstens von morgens bis abends ausgeblieben war und zweitens auch noch den Namen „Rosamunde“ eintragen ließ. Nein, dass war entschieden zu viel! Mir blieb als Urheberin nichts anderes übrig, als im Standesamtsbuch einen Randvermerk zu machen, welcher lautete: „Ein Schreibwort gestrichen“ und außerdem einen neuen Namen einzutragen.

Ende gut – alles gut !

Ilse Löblein-Diemer